HNO Praxis Brunn - Dr. Schröckenfuchs

Tauchmedizinische Sprechstunde

Was jeder Taucher können muss, ist der Druckausgleich!

Michael Schröckenfuchs, www.hno-brunn.info

Jeder der mit dem Tauchsport beginnt, muss den Druckausgleich zum Mittelohr erlernen. Manche schaffen das ganz leicht, andere haben damit große Probleme. Ohne Druckausgleich bemerkt man schon ab einer Tiefe von 1,5 m ein Stechen im Ohr. Der Schmerz wird mit zunehmender Tiefe immer heftiger und zwingt zum Auftauchen.

 

Manche Menschen entwickeln dadurch eine „Ohr-Angst“ und vermeiden das Tauchen.

 

Ganz besonders gut muss der Druckausgleich bei Apnoetauchern funktionieren. Gerätetaucher können langsam und schonend abtauchen.

An der Wasseroberfläche beträgt der Umgebungsdruck auf Meereshöhe ca. 1 bar. Beim Abtauchen kommt pro 10 m Wassertiefe ein bar dazu. Der stärkste Druckanstieg erfolgt in den ersten 10 m. Der Umgebungsdruck verdoppelt sich von 1bar auf 2 bar. Nach dem Boyle-Mariotte‘schen Gesetz nimmt bei doppeltem Druck das Volumen um die Hälfte ab. Das muss ausgeglichen werden, sonst kommt es zu einem Mittelohrbarotrauma.

Der Gehörgang wird nach ca. 2 cm durch das Trommelfell abgeschlossen. Den luftgefüllten Bereich hinter dem Trommelfell bezeichnet man als Mittelohr. Das Mittelohr ist über die  ca. 4cm lange Ohrtrompete (Eustachische Röhre) mit dem Nasenrachen verbunden. Dieser Kanal ist im Normalfall geschlossen. Beim Schlucken und Sprechen erfolgt durch kurze Öffnung der Tube unbewusst der Druckausgleich.

Beim Tauchen muss der Druckausgleich bewusst trainiert und erlernt werden. Der Druck im Mittelohr soll immer an den Umgebungsdruck angepasst sein. Nur bei erfolgreichem Druckausgleich ist ein Tauchgang entspannt und sicher möglich.

Der erfahrene Tauchlehrer zeigt seinen Schülern regelmäßig vor, wann und wie er den Druckausgleich macht.

 

 

 

 

 

 

 

Abb.1 Druckausgleich                                                          Abb. 2 Probleme beim Druckausgleich

Beim Druckausgleich wird der Nasenerker der Tauchmaske mit Daumen und Zeigefinger verschlossen und Luft wird über die Ohrtrompete ins Mittelohr gepresst.

Funktioniert der Druckausgleich nicht, etwas Auftauchen und neuerlich versuchen. Den anderen Tauchern mit Handzeichen das Problem anzeigen.

 

ABTAUCHEN

Beim Abtauchen nimmt der Umgebungsdruck weiter kontinuierlich zu (Kompressionsphase).

Etablierte Techniken um den Druckausgleich aktiv auszulösen

  1. Valsalva-Manöver: Die Ausatemluft wird gegen die verlegte Nase in den Kopf gepresst, bis das typische Knacksen in beiden Ohren bemerkt wird. Bei dieser Methode wird der Druck in der Lunge ebenfalls stark erhöht.
  2. Frenzel-Manöver: Dabei wird die Nase zugehalten und die Stimmbänder werden, wie beim Anheben von einem Gewicht, geschlossen. Durch Anspannung von Zungenmuskulatur und Gaumen wird Luft in die Tuben gepresst. Dabei wird der Druck in der Lunge nicht erhöht.
  3. Lowry Technik: Wie Valsalva nur wird anschließend zusätzlich geschluckt. (Toynbee)
  4. Edmonds Technik: Der Unterkiefer wird nach vor und unten geschoben. Danach wird das Valsalva Manöver durchgeführt.
  5. Toynbee Manöver: Die Nase wird verschlossen und man schluckt. Es entsteht eine Sogwirkung auf das Mittelohr. Diese Methode sollte man im Falle einer Umkehrblockade  („reverse block“ – s.u.) versuchen.
  6. Roydhouse Technik: Der Gaumen und das Zäpfchen werden durch Anspannung nach oben bewegt und gleichzeitig wird die Zungenmuskel nach unten gedrückt.
  7. Willentliches öffnen der Tube: Durch gezieltes Training kann der Öffnungsmechanismus bewusst ausgelöst werden. Dabei bläst man etwas Ausatemluft durch die Nase in die Maske.

 

Bei unzureichendem Druckausgleich kommt es zu einem Barotrauma des Mittelohres.

 

Einteilung des Mittelohrbarotraumas nach Teed

Stadium 1: Retraktion und Rötung epitympanal (nur im obersten Trommelfellanteil)

Stadium 2: Retraktion und Rötung des gesamten Trommelfells, Ohr sticht!

Stadium 3: wie 2 jedoch zusätzlich wässrig bis blutiger Paukenerguss, „Ohr quietscht oder gluckst“. Man spürt die Flüssigkeit hinter dem Trommelfell. Die Hörleistung ist gedämpft

Stadium 4: Trommelfellruptur, es pfeift beim Druckausgleich aus dem Ohr!

 

Abb. 3 Barotrauma beim Abtauchen

Bei unzureichendem Druckausgleich wird das Trommelfell nach innen gedrückt, weiters werden die Steigbügelfußplatte und die Membran des runden Fensters zum Mittelohr vorgewölbt.

Durch den Unterdruck in der Paukenhöhle schwillt auch die Schleimhaut der Tube an, wodurch der Druckausgleich weiter verschlechtert wird!

Es entwickelt sich ein Mittelohrbarotrauma (siehe Stadieneinteilung)

 

 

Abb.4 Barotrauma Stadium III v. IV des rechten Ohres

Das Trommelfell ist gerötet und hinter dem Trommelfell ist ein wässriger, teils blutiger Mittelohrerguss mit Luftblasen zu erkennen. Der Druckausgleich ist erschwert und der Taucher  fühlt ein Glucksen im Ohr. Die Hörleistung ist gedämpft.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

MAXIMALE TIEFE

Ist die maximale Tauchtiefe erreicht und bleibt man auf dieser Tiefe, ändert sich der Umgebungsdruck nicht (Isopressionsphase). Der Druck im Mittelohr entspricht dem Umgebungsdruck.

AUFTAUCHEN

Beim Auftauchen vermindert sich der Umgebungsdruck (Dekompressionsphase). Der Überdruck im Mittelohr gleicht sich meist von selbst durch Entweichen der Luft über die Ohrtrompete aus. Selten kommt es zu einer Umkehrblockade („reverse block“). Wenn die Ohrtrompete so verschwollen ist, dass der Überdruck aus dem Mittelohr nicht entweichen kann. In dieser Situation sollte man etwas abtauchen, bis sich der stechende Schmerz im Ohr beruhigt.

Nase verschließen und schlucken (Toynbee Manöver) – es entsteht ein Sog über die Tube auf das Mittelohr. Gelingt das nicht, schiebt man den Unterkiefer weit nach vor und spannt die Schlundmuskeln wie beim Gähnen an. Danach unter leicht kauenden Unterkieferbewegungen langsam aufsteigen. Die Tube wird durch die Schlundmuskeln so aktiv geöffnet und der Überdruck im Mittelohr gleicht sich nun von selbst aus. Ein Valsalva Manöver am Ende eines Tauchgangs kann ein Dekompressionssyndrom (z.B. beim bestehendem PFO oder pulmonalen rechts-links Shunt) begünstigen und sollte daher vermieden werden.

 

Abb. 5 Barotrauma beim Auftauchen – Inverses Barotrauma

Das Barotrauma beim Auftauchen ist wesentlich seltener. Am ehesten tritt es auf, wenn vor dem Tauchen abschwellende Nasentropfen verwendet wurden oder wenn es schon beim Abstieg Probleme mit dem Druckausgleich gab.

In der Auftauchphase muss der Überdruck im Mittelohr wieder abgebaut werden. Gelingt das nicht, wird das Trommelfell stark nach außen gewölbt. Die Steigbügelfußplatte und die runde Fenstermembran werden ins Innenohr gedrückt.

 

 

Praktisches Vorgehen

  1. Druckausgleich schon an der Oberfläche vor dem Abtauchen (Partnercheck) – wenn der Druckausgleich an der Oberfläche nicht funktioniert, dann wird es im Wasser noch schlechter klappen.
  2. Achte auf das typische „Knacksen“ in beiden Ohren
  3. Tauchreflex auslösen: Dabei läßt man kaltes Wasser in den vordersten Bereich der Nasenhöhle eindringen. Reflexartig senkt sich die Herzfrequenz und die Nasenschleimhäute schwellen ab. Nun nochmals den Druckausgleich an der Oberfläche durchführen
  4. Den Druckausgleich bis 10m mehrmals vorbeugend durchführen (am Besten bei jedem Meter zusätzlicher Tiefe)  und nicht erst wenn Schmerzen auftreten!
  5. Mit den Beinen voran abtauchen
  6. Langsam entlang einer Leine abtauchen, damit bei Tarierproblemen die Tiefe leicht gehalten werden kann
  7. Sofort Abstieg stoppen, wenn Ohrenstechen auftreten!
  8. Handzeichen für Druckausgleichproblem geben, etwas aufsteigen und Druckausgleich neuerlich versuchen.
  9. Das Problemohr nach oben drehen – der Druckausgleich geht dann wesentlich leichter.
  10. Die oben angeführten Techniken kennen und versuchen.

Achtung

  1. Achte auf saubere Ohren! Ein Ohrenschmalzpfropf kann den Druckausgleich stören.
  2. Tauche nicht bei Schnupfen
  3. Tauche nicht mit Schwimmschutzstöpsel (Es gibt einen Tauchgehörschutz, der den Druckausgleich erlaubt)
  4. Keine abschwellenden Nasentropfen vor dem Tauchen
  5. Zugluft und Klimaanlagen vor dem Tauchen meiden

Bei anhaltenden Problemen:

Schafft man den Druckausgleich nicht oder gibt es oft Problem damit, sollte man einen HNO Facharzt aufsuchen. Dieser kann die möglichen Ursachen abklären und eine geeignete Therapie empfehlen.

Literatur

  1. Kompendium der Tauchmedizin, 2. Auflage; C.M. Ruth, P. Radermacher; Deutscher Ärzte-Verlag, ISBN 3-7691-1239-3
  2. Tauchtauglichkeit Manual, 2. Auflage; Jörg Wendling, Oskar Ihm, Rolf Ehrsam, Peter Kessel, Peter Nussberger, ISBN 3-9522284-0-0
  3. Checkliste Tauchtauglichkeit, 2. Auflage; GTÜM, ÖGTH, Gentner Verlag, ISBN 978-3-87247-747-7
  4. Moderne Tauchmedizin, 2. Auflage; Ch. Klingmann, K. Tetzlaff, Gentner Verlag, ISBN 978-3-87247-744-6
  5. Tauchen noch sicherer, 111. Auflage, EHM, Pietsch Verlag, ISBN 978-3-613-50675-6
  6. Diving and Subaquatic Medizine, 5. Edition; Carl Edmonds, Michael Bennett, John Lippmann and Simon J. Mitchell,
  7. Tauchmedizin, Olaf Rusoke-Dierich, Springer Verlag
  8. Tauchmedizin, 5. Auflage; A.A. Buhlmann, E.B. Völlm, R. Nussberger, Springer Verlag.
  9. Tauchen aber sicher! Thilo Künneth, Müller-Rüschlikon Verlag, ISBN 978-3-275-01679-2
  10. Sporttauchen, 10. Auflage, Axel Stiebe; Delius Klasing Verlag, ISBN 978-3-7688-2448-4
  11. Handbuch modernes Tauchen, Thomas Kromp, Oliver Mielke; Kosmos Verlag,  ISBN 978-3-440-12164-1
  12. Tauchen Kompakt & Visuell, Monty Halls, Miranda Krestovnikoff, Darling Kindersley Verlag, ISBN 978-3-8310-1021-9
  13. The Encyclopedia of Recreational Diving 3. Edition, German Edition, PADI Vers. 3.03
  14. Oto-Rhino-Laryngologie in Klinik und Praxis, Band 1 Ohr, Jan Helms, ISBN 3-13-676501-X

© Alle Fotos, Zeichnungen und Text von M. Schröckenfuchs, Version 2017-10

 

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